Dilans Qual – und was sie mit uns zu tun hat

“Ich bin Bremerin”

Dilan Koç ist Bremerin. Ihr Vater Yüksel ist seit Monaten im Hungerstreik. Dilan prangert die Unterdrückung der Kurden an und den Einsatz deutscher Waffen. Sie ist eine Tochter Bremes und die Tochter eines kurdischen Aktivisten. Kann sie beides sein?

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Dilans Qual – und was sie mit uns zu tun hat
Dilans Vater, Yüksel Koç, befindet sich seit Monaten in einem unbefristeten Hungerstreik. Yüksels Hungerstreik und der von mehreren Tausend Aktivistinnen und Aktivisten auf der ganzen Welt richtet sich gegen die Isolationshaft des kurdischen Führers Abdullah Öcalan. Die 19-jährige Dilan Koç wurde in Deutschland geboren. Im Interview beschreibt sie ihre Gefühle, stellt Fragen. Unbequeme Fragen für uns, die in Europa leben. Dilans schwierige Situation wurzelt in Ereignissen vor 20 Jahren. Ereignisse, die sowohl mit Europa zu tun haben als auch mit Kurdistan.

Europas Feigheit und eine Entführung
Ende 1998: Die Türkei droht Syrien mit einer Invasion, falls das Land weiterhin dem Führer der PKK erlaubt, sich dort aufzuhalten. Die USA unterstützen die Türkei. Zur gleichen Zeit eskalieren die militärischen Aktivitäten der USA und Großbritanniens im Nahen Osten. Krieg zieht auf, dem Irak drohen schwere Schläge.
In Europa stieß die Kriegspolitik der USA und Großbritanniens damals auf deutlichen Widerstand, sowohl in der Bevölkerung als auch bei Regierungen. Abdullah Öcalan und die PKK standen vor einer schicksalhaften Entscheidung. Er konnte Syrien verlassen und in die Berge Kurdistans gehen und den Guerillakampf verstärken, oder nach Europa gehen und eine Verhandlungslösung für die kurdische Frage voranbringen, und damit den Frieden im gesamten Nahen Osten. Abdullah Öcalan schätzte die Stärke der politischen Opposition gegen den Krieg in Europa optimistisch ein. Er setzte sein Leben und seine Freiheit aufs Spiel, indem er hierherkam. Öcalan hielt sich zwischen November 1998 und Februar 1999 in Europa auf. Dort hatte die Kurdistan-Frage eine politische Kontroverse ausgelöst: Die einen wollten einen Verhandlungsfrieden, die anderen setzten auf eine militärische Lösung. Eine Auseinandersetzung um politische und juristische Fragen; Schauplätze waren Italien, Griechenland, Deutschland und den Niederlanden.
Europa konnte zu seiner ewigen Schande der US-Staatskunst nicht standhalten. Die New York Times zitierte einen hochrangigen amerikanischen Offizier und erklärte: “Der diplomatische Druck der USA, unterstützt durch Aufklärung der Nachrichtendienste, trug dazu bei, dass eine Nation nach der anderen sich überreden ließ, [Öcalan] die Zuflucht zu verweigern und ihn in eine zunehmend verzweifelte Suche zu treiben nach einem Fluchtort”. Schließlich musste er Europa verlassen; in Kenia wurde Öcalan schließlich entführt und in die Türkei verschleppt. Robin White vom Sender BBC in London fragte damals seine Nairobi-Korrespondentin Louise Tunbridge: “Aber warum sollte die kenianische Regierung überhaupt daran interessiert sein, Herrn Öcalan der Türkei zu übergeben, es sei denn, wissen Sie, dass die Amerikaner unter Druck standen?” Louise Tunbridge antwortet: “Genau… vielleicht kam die CIA, vielleicht kam der MOSSAD, um einen Deal zu machen.”

Wird sich die Geschichte wiederholen?
Heute, 20 Jahre später, sind den Kriegen im Nahen Osten mehr als zwei Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Die Botschaft des kurdischen Führers ist nach wie vor aktuell: Frieden durch Verhandlungen. Sein Ansehen unter den Kurden ist heute wohl ähnlich stark sind wie die von Nelson Mandela unter den Schwarzen in Südafrika während der Apartheid. Das macht ihn unverzichtbar für Verhandlungen und Friedensgespräche. Der 70-jährige Abdullah Öcalan lebt allerdings unter extrem isolierten Haftbedingungen – 2011 durfte er das letzte Mal mit seinen Anwälten sprechen. Werden die fortschrittlich gesinnten Menschen Europas es ihren politischen Vertretern erlauben, nur dabei zu stehen, während Abdullah Öcalans Stimme erstickt wird und sein Leben ausgelöscht?

Es ist möglich, die Lage zu ändern
Wie schon 1999 hat Europa erneut die Chance, einen entscheidenden Wandel herbei zu führen. Die schwere Verletzung von Öcalans Menschenrechten, die Blockade seiner Treffen mit Rechtsanwälten, sind ein offener Verstoß gegen die “Europäische Konvention zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung”. Die Türkei hat die Konvention 1988 unterzeichnet. Bereits 1954 unterzeichnete die Türkei die “Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten”.
Der Europarat, dem die Türkei angehört, ist das Organ, das den türkischen Staat unter Druck setzen kann. Der Europäische Rat hat das “Europäische Komitee zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe” (CPT) eingesetzt. Das CPT besucht regelmäßig Einrichtungen, in denen Menschen die Freiheit entzogen wird. Ziel ist es, Folter, unmenschliche und erniedrigende Behandlung zu verhindern, bevor sie geschehen. Allerdings waren die Anträge, die Abdullah Öcalans Familie, Rechtsanwälte und kurdische Institutionen beim CPT einreichten, erfolglos. Da die EU, der Europarat und das CPT keinen Versuch unternommen hatten, die Misshandlung und Isolation von Abdullah Öcalan zu verhindern, trat die inhaftierte kurdische Parlamentarierin Leyla Güven im November in einen Hungerstreik. Sie forderte ein Ende der Isolationshaft des PKK-Führers. Tausende Gefangene folgten ihrem Beispiel.
Auch Dilans Vater Yüksel und einige seiner Genossinnen und Genossen traten am 17. Dezember vergangenen Jahres in Straßburg in einen unbefristeten Hungerstreik. Yüksel ist eine führende Persönlichkeit der kurdischen Diaspora.

“Ich bin Bremerin”
Dilan ist in Bremen geboren und aufgewachsen. Sie ist eine Bremerin, wurde in Bremen sozialisiert. Dilan ist eine Tochter von Bremen, aber auch die Tochter von Yüksel. Kann sie beides sein? Hat die Gesellschaft, die Dilan in Bremen, Deutschland und Europa integriert hat, die notwendigen ethischen Werte, die sie jetzt erwartet und braucht? Oder wird sie enttäuscht werden, so wie Abdullah Öcalan 1999 in Europa enttäuscht wurde?
Dilan spricht über den Einsatz deutscher Waffen gegen die Kurden. Niemand kann bestreiten, dass die meisten westlichen Länder Waffen an Anti-Assad-Truppen geliefert haben, um Assad zu stürzen. Es ist nicht überraschend, dass diese Waffen auch in die Hände der gefährlichsten Anti-Assad-Truppen fielen: Islamistische Extremisten-Milizen. Für diese Gruppen, zum Beispiel den IS, sind die Kurden mit ihrer säkularen und sozial fortschrittlichen Politik der schlimmste Feind.
Dilan kommentiert die US-Unterstützung für die kurdische YPG so: “Um es hart zu sagen: Die Kurden sind gut genug, um den IS zu zerstören. Aber wir akzeptieren sie nicht. Das ist widersprüchlich.” Wie die meisten Kurdinnen weiß Dilan, dass die amerikanische Unterstützung der YPG-Kämpfer nicht auf ethischen Grundsätzen beruht. Diese US-Politik ist am Nutzen orientiert. Dilan weiß: Eine bestimmte Gruppe wird unterstützt, wenn sie gegen den gegenwärtigen Feind der USA kämpft. Aber wenn dieser Feind zerstört ist, kann es sein, dass sich die Amerikaner gegen die einstigen Verbündeten richten. Die EU lehnt den endlosen Krieg, den diese Politik auslöst, angeblich ab, denn schließlich wurde sie selbst ja gegründet, um Krieg zu vermeiden. Das Ziel des Friedens, auf das sich die EU verpflichtet hat, kann nicht nur für einen drohenden totalen Weltkrieg gelten. Es muss auch gelten für Stellvertreterkriege, die in der Peripherie toben, denn schließlich wurden diese von mächtigen westlichen Ländern ausgelöst.
Der Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit existiert auch in den Herzen der Bremer Bevölkerung, in Deutschland und in Europa. Als Abdullah Öcalan nach Europa kam, stellte er sich selbst in die Schusslinie, denn er hatte darauf vertraut, dass dieser Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit in Europa existiert. Heute, zwei Jahrzehnte später, stellt Dilans Vater ebenfalls sich selbst in die Schusslinie – mit dem Optimismus, dass die europäische Gesellschaft positiv reagieren wird. Dilan und mit ihr eine neue Generation die zu Europa gehört, prüft diese Gesellschaft auf viel tiefere Weise.
Die Zeit läuft ab, denn die körperliche Verfassung der 17 Hungerstreikenden in Straßburg verschlechtert sich rapide. Sie ertragen eine Methode des Hungerstreiks, in der man Flüssigkeiten mit etwas Zucker und Salz sowie Vitamin B1 zu sich nimmt, um die Gehirnfunktionen zu stützen. Dies verlängert die Überlebenschance, anders als bei einem Hungerstreik ohne jegliche Kalorienaufnahme. Während man ohne Nahrung etwa 70 Tage überlebt, ist bei dieser Variante eines Hungerstreiks die Überlebenszeit länger. Allerdings sagen die Ärzte, dass zum jetzigen Zeitpunkt bereits Schänden an inneren Organen und ernste Komplikationen drohen, selbst wenn der Hungerstreik heute beendet wird. Zu befürchten sind vor allem Muskelschwund, Herzprobleme, Schlaflosigkeit und durch das Hungern verursachte Schäden am Nervensystem.


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Internationaler Menschenrechtsverein Bremen e.V
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